Der spätgotische Schnitzaltar:

Wer die Pfarrkirche des Dorfes Bürvenich durch das am westlichen Ende der Südseite sich öffnende Portal betritt, blickt staunend und überrascht durch das langgestreckte Kirchenschiff zur östlichen Apsis auf das dort in Gold und schönen Farben prangende Gebilde des Hochaltares. 
Ein gotischer Flügelaltar von etwa 1520, er wurde nach längerer Restaurierung kurz vor Weihnachten 1999 wieder an seinem Platz aufgestellt.


Mit reichlich Gold und zarter Farbabtönung sind die zahlreichen geschnitzten Figuren des mittleren Kastens gefaßt. Die breit ausladenden Flügel zu beiden Seiten zeigen Tafelbilder in schönen klaren Farben, ebenso in der Mitte unter dem Kasten die Predella. 
Durch den langen Mittelgang nähert man sich dem kostbaren Gebilde, versucht die vielen Figuren der volkreichen Szenen zu erkennen. Die überhöhte Darstellung der 
Kreuzigung Christi oben im Mittelfeld sticht klar hervor, und dann gewahrt man auch links und rechts daneben die Kreuztragung und die Kreuzabnahme. 
Bei den fünf kleineren Szenen darunter muß man länger und genauer schauen, um die Ereignisse aus dem Leben der Gottesmutter zu erkennen.



Wer daran gedacht hatte, sich ein Opernglas oder einen kleinen Feldstecher mitzubringen, kann sich nun nach chronologischer Ordnung orientieren und die dargestellten Szenen wie eine Bibel lesen. Es beginnt unten links im mittleren Kasten mit den geschnitzten Figuren. 
Da grüßt in der „Verkündigung" der Engel die an ihrem Betpult kniende Gottesmutter. Daneben begegnen sich in der „Heimsuchung" die beiden schwangeren Frauen Maria und Elisabeth. Die sowohl in Breite als auch Höhe betonte Mittelszene zeigt die Krippe von Bethlehem. 
Danach folgt die „Beschneidung" des neugeborenen Kindes und ganz rechts die Darstellung im Tempel.

Es folgen nun die Szenen aus der Passion Christi. Ganz links beginnt diese auf dem äußeren gemalten Flügel, wir sehen die Gefangennahme am Ölberg vor einer Felsenkulisse mit Wald und Aussicht auf eine Landschaft. Im Vordergrund wird Jesus gerade gefesselt, während Petrus sein Schwert erhoben hat, um dem Knecht Malchus das Ohr abzuschlagen. 
Der Maler zeigt diese Szene taghell, aber er wußte ja, daß sie im abendlichen Dunkel geschah, deshalb trägt jemand eine hocherhobene Fackel in Form eines Kohlebeckens.

Die zweite Tafel zeigt daneben Jesus vor Gericht, im Hintergrund wäscht Pilatus gerade seine Hände in Unschuld. Und darauf folgt die erste große Szene im geschnitzten Kasten, die Kreuztragung.




Ganz vorne kniet Veronika und reicht gerade das Schweißtuch. Im Mittelfeld folgt sodann die Hauptszene, die Kreuzigung. Hoch ragen drei Kreuze auf, darunter gleich drei Berittene, vor ihnen fünf kleinere Soldaten, zwei scheinen sich um eines der Kleidungsstücke Christi zu streiten. 

Darunter stehen mit dem Rücken zum Betrachter weitere - zivile - Zuschauer, ganz links glaubt man Johannes zu erkennen, der die Gottesmutter stützt, und die reichgekleidete Frau neben Maria könnte dann Maria Magdalena sein, die sich ihr tröstend zuwendet. Daneben zwei weitere Figuren, und nur angedeutet im Hintergrund weitere Personen in perspektivischer Verkleinerung. 

Sicher nicht nur zufällig stehen Geburt und Tod Jesu genau zentral übereinander im Mittelfeld. Auch seitlich neben und hinter den drei Kreuzen sind noch Personen angedeutet. Über dem linken Schächer schwebt ein Engel, der bringt dessen Seele in Gestalt einer Kerze gen Himmel, während rechts ein Teufel sich die Seele des unbußfertigen anderen Schächers gepackt hat.

Einen Teil der Personen sehen wir wieder in der Kreuzabnahme rechts, Johannes und Maria beisammen getreu der in der Bibel überlieferten Anweisung Jesu. Wir erkennen dann rechts daneben auf den beiden Tafeln des Flügels die Grablegung und die Auferstehung. Beide Tafelbilder zeigen hinter den groß gemalten Szenen Ausblicke in die Landschaft, die drei leeren Kreuze kennzeichnen die Schädelstätte in der Ferne über der Grabstelle.

Auch die kleinen Flügel ganz oben, die nur den überhöhten Teil des Mittelkastens zudecken können, ordnen sich in dieses Leidensgeschehen ein. Links sehen wir in der Ecce-Homo-Szene den dornengekrönten Christus, der von Pilatus dem Volk vorgeführt und von den unten stehenden Personen verspottet wird. Der entsprechende kleine Flügel rechts zeigt den Auferstandenen, der sich seiner im Gebet versunkenen Mutter zeigt.

http://www.buervenich-online.de/bilder/kirche_altar_text.jpg  

Weitere sehr kleine Szenen aus der Passion sind in den Randkehlen der drei großen geschnitzten Kastenszenen angebracht und kaum zu erkennen: Abendmahl, Ölberggebet, Geißelung, Emmausgang, der ungläubige Thomas und Himmelfahrt.

Während der liturgischen Bußzeiten Advent und Fastenzeit werden die Flügel geschlossen, dann präsentiert sich der Altar zwar schmaler, aber nicht minder prächtig und schön. Die beiden Tafeln, die sich in der Mitte treffen, bilden zusammen ein großes Bild mit der Darstellung der Gregorsmesse. Wir sehen links den Papst Gregor den Großen bei der Feier des Meßopfers.


Ihm erscheint Christus, seine Wunden zeigend, umgeben von allen Leidenswerkzeugen. Die andächtigen Assistenzfiguren geben ein schönes Bild, wie die Liturgie damals gefeiert wurde und wie die liturgischen Gewänder aussahen. Die beiden Außenflügel schildern Begebenheiten aus dem AltenTestament, die als Vorbilder für die Eucharistie gesehen werden. Links die Begegnung von Abraham und Melchisedek, rechts die Mannalese.

Die gemalte Predella unter dem Mittelkasten wurde in der 2. Hälfte des 19. Jh. ergänzt nach mittelalterlichen Vorbildern und zeigt Jesus als Schmerzensikone im Purpurmantel zwischen Maria und Johannes.

Wer diesen wunderschönen Altar sehen möchte, wird die Pfarrkirche Stephani Auffindung von Zülpich-Bürvenich zu normalen Tageszeiten offen finden, freilich kann er nur bis zum Beginn des langen Chores gehen. 

Da ist also eine Sehhilfe schon angebracht. 

Wer Glück hat und Pfarrer oder Küsterin anwesend trifft, wird auch Zugang zum Chor bis unmittelbar vor den Flügelaltar bekommen, kann dann sogar trotz der geöffneten Flügel auch die Tafeln der Fastenseite betrachten. Außerdem wird eine Schrift angeboten, die eine ausführliche Beschreibung des Altares und seiner Geschichte mit einer künstlerischen Würdigung enthält, dazu aber auch weitere Erklärungen zu anderen Kunstwerken in dieser Kirche sowie einen Überblick über die Geschichte des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Bürvenich.

Bericht: Othmar Rahm

----------------------------------------------------------------------------------------------------
Zur Geschichte des Schnitzaltares


Der Altar war ursprünglich das Eigentum des 1795 durch die französische Regierung aufgelösten Zisterzienserinnenklosters, in dessen Kapelle er aufgestellt worden war. 1808 kaufte die Pfarrgemeinde Bürvenich den Altar von Joseph Trimborn.
Nach Entfernung der Trennungsmauer zwischen Kloster- und Pfarrkirche und der Vereinigung beider Kirchen 1837 zur jetzigen Pfarrkirche, hat der Altar seinen Platz im Chorhaus.
1891 wurde der Altaraufsatz für 10.000,00 Mark an die Pfarrgemeinde St. Gereon in Köln verkauft. Zur Amtszeit von Pfarrer Heinrich Zimmermann 1955 erwarb die Pfarrgemeinde Bürvenich den Altar zurück. In der Pfarrchronik heißt es, dass für einen Betrag von 20.000,00 Mark der Rückkauf des flandrischen Altars geglückt sei.Die Pfarrgemeinde zahlte 5.000,00 Mark, das Kölner Generalvikariat 15.000,00 Mark

Bedeutendes Kunstwerk

Ausbesserungen des Schnitzaltars erfolgten 1837, 1860, und 1911. Nachdem der Altaraufsatz in der Werkstatt des Landeskonservators in Bonn 1955 restauriert worden war, wurden 1956 der Sockel (Predella) des Altaraufsatzes, das Gehäuse und die Krippengruppe des Altaraufsatzes (Retabel) wieder in Bürvenich aufgestellt.
1986wurden Verschmutzung des Altaraufsatzes un starke Blätterungen der Farben sichtbar. Man baute die Figuren aus dem Schrein aus und brachte sie in die Werkstätten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege, wo man 1996 mit der Restaurierung begann.
Der Antwerper Schnitzaltar in Bürvenich erinnert an eine Zeit, in der es im Ort einem Frauenkloster gelang, einen bedeutenden Kunstschatz in seine Kirche zu holen.
Als mögliche Stifterin kann Sophia von Diepenbroich, von 1522 bis 1535 Äbtissin im Kloster Bürvenich, angesehen werden.


Bericht : Hans Peter Schiffer (Kirchen und Kapellen im Stadtgebiet Zülpich)